Sonntag, 14. November 2010

Ferienzeit (Preview)


Überhaupt, es ist August und alle packen ihre Koffer und Taschen und setzen sich in irgendeinen Flieger, irgendwo hin. Hauptsache nicht da sein, wo man gerade ist.

Betty liegt mit ihrer Freundin Nini am kroatischen Strand. Zwischen Büchern und Frauen-Zeitschriften philosophieren die beiden übers Leben. „Wie pflanzen sich eigentlich Regenwürmer fort?“ ist die Meldung die ich von den beiden zugesimst bekomme. Die Antwort finde ich auf einer bezaubernden Webseite, in der Viertklässler wiedergeben, was sie im Unterricht gelernt haben. Regenwürmer sind eine sehr emanzipierte Spezies. Sie sind Zwitter. Es wird geknutscht, gefummelt und allerlei Regenwurm-Körperflüssigkeiten ausgetauscht – am Ende sind beide Partner schwanger.



Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn man dieses Prinzip auf Menschen adaptieren würde. Die beste Konsequenz daraus wäre, dass es endlich egal wäre, in wen wir uns verlieben. Ich sehe mich und meinen Phantasie-Traummann auf der Couch sitzen. Beide einen dicken Bauch vor sich. Die Schulterblätter tief in die Kissen gegraben, das Kinn leicht erhoben um über den gewaltigen Bauch hinweg zu sehen. Ich balanciere eine Schale Eiscreme auf meinem Bauchnabel, er einen Teller mit sauren Gurken. Wir lächeln uns an und ich angle mir eine seiner Gurken und lass sie genüsslich durch die Eiscreme gleiten. Während ich das Resultat zu meinem Mund führe greift er schmunzelnd nach meiner Hand und klaut das Gebilde darin um es selbst zu verschlingen. In frühen Morgenstunden würden wir Wettrennen zur Toilette veranstalten und nach der Geburt würde er allen unseren Freunden erzählen wie viel schmerzvoller seine Geburt im Vergleich zu meiner war. Armer Mann. Ich bekomme gerade so viel Mitleid mit meinem Phantasie-Mann, dass ich froh bin, dass die Natur sich für uns Menschen anders eingerichtet hat.

(to be continued)

Mittwoch, 6. Oktober 2010

La Furtüna oder das Glück

"Erleben Sie einen Sommerflirt" verspricht die Webseite auf der ich surfe. Nein, ich bin nicht bei einer dieser unsäglichen Single-Börsen gelandet: sondern bei den Bündnern. Sie haben sich heraus geputzt, die Bewohner der verträumten Alpenregion, aber das war nicht immer so:

Wir befinden uns im Jahre 15 v. Chr. Die Alpen werden mehr und mehr von den Römern besetzt ... die ganzen Alpen? Nein! Ein von unbeugsamen Bündnern bevölkerter Kanton hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Selbst wenn rund umher die lateinische Sprache Einzug hält – beginnen die Bergleute um Heidi und ihren Ziegenpeter herum, sich ihre eigene Sprache auszudenken. Ein Geheimcode - wie ich vermute, denn hört man nicht genau hin, so könnte man glaube sie sprechen italienisch. Aber wenn man die Ohren spitzt und einen Moment innehält so kommt man schnell ins Grübeln.

La furtüna sto per via, chi la piglia e chi passa speravia.*

Die Römer hatten mit Sicherheit genau so viel Freude mit den Bündern, wie mit den Galliern – auch wenns sicher weniger weh getan hat. Immerhin ist dem Bergvolk diese Sprache so sehr ans Herz gewachsen, dass sie bis vor wenigen Jahren noch ihre Schulbücher in 7 (!) Sprachen haben drucken lassen – Deutsch, Italienisch und 5 rätoromanische Schriftdialekte.

Als Besucher überlegt man sich jetzt natürlich zweimal ob man tatsächlich an einen Ort gehen möchte, an dem man einen neuen Sprachkurs belegen muss um einen Kaffee zu bestellen. Aber im Laufe der Zeit haben sich auch Heidis Nachkommen gebeugt und einen wunderbaren Schweizerdeutschen Dialekt angeeignet, bei dem es so manchem „Ausserschweizer“ ein entzücktes Jauchzen aus der Kehle treibt wenn er ihn vernimmt.

* Das Glück steht am Wege; der eine nimmt es, und der andere geht daran vorbei.

Mittwoch, 29. September 2010

Wenn ein Gummiboot den Indianer abholt

Oder: Eins, Zwoa, Drei ... G’suffa!

Strähne um Strähne verflechten sich auf dem Kopf der Blondine die Haare zu einer traditionell anmutenden Bauernfrisur. Das Kleid sitzt eng an den Konturen ihrer Figur. Ihre langen Beine stecken in den passenden Schuhen. Das wichtigste ist: sie weiss es! Sie weiss, dass ihr Lächeln den Trunkenbolden den Verstand raubt. Sie weiss, dass ihre junge, naive Art ihr alles ermöglicht an diesem Abend. Und die Männer wissen das auch – ein Mass in der einen, einen guten Spruch in der anderen Hand und der Abend wird glücklich enden, mit einer Unterschrift mehr im Latz.

Wer gedacht hat, beim Oktoberfest geht es nur um Bier & Lebkuchen-Herzn, der hat das Volksfest schwer unterschätzt. Ein Tag auf den Wiesn muss gut geplant sein – ein grosser Dank geht hier an unsern Wiesn-Guide.

Erstes Gebot als Neuling: Ausschlafen und Grundlage schaffen.

Zweite Lektion, der Türsteher. Auch auf die Gefahr hin, dass ich ein offenes Geheimnis verrate: die kann man bestechen. Das Oktoberfest bringt mich an die Grenzen der Legalität. Unser Insider zückt das Handy und ruft seinen Kontakt man an, schnell verschwinden die beiden um die Ecke. Finger werden in die Höhe gestreckt und Scheine wechseln den Besitzer. Zurück kommt er mit einem „Codewort“. Ohne dieses stehen die Chancen um diese Uhrzeit (wir sprechen von Mittags um 3) schlecht. Aber wir haben ihn, den Schlüssel zum Festzelt. Wir drängen mit den Armen voraus durch die Menge, die vor dem Ausgang steht. Voller Euphorie stehen wir zuvorderst und als sich die Tür das nächste Mal öffnet rufen wir dem Türsteher im Innern entgegen: „Dim!“ Er blickt kaum auf und hält es nicht Mal für notwendig uns auszulachen. Alles was er macht, ist die Türe wieder zu schliessen. Ein Raunen geht durch die Wartenden. Dieses Spiel machen wir mehrmals mit, wir schieben die Mädels vor und lassen die Jungs ein böses Gesicht aufsetzen, eine Reaktion bleibt aber weiter ein Wunschtraum. Plötzlich erwischt mich von hinten ein langer, muskulöser Arm. Er drängt mich zur Seite und steht auf einmal vor mir. „Dim“ raunt er durch den Türspalt und verschwindet in der Wärme des Zeltes. Nein! Neid! Wut! Man kann ja nun schlecht rufen „Wir haben dafür gezahlt du Arsch!“, auch wenns mir auf der Zunge liegt.

Nachdem wir uns eine Stunde lang drücken, quetschen, abweisen und letztlich sogar anschreien lassen mussten, geben wir auf. Für den Moment. Wir lauern im Garten vor dem Zelt, bis unser Kontaktmann vorbei schleicht. Unser Patron springt auf und greift ein. Plötzlich dauert es nur noch wenige Minuten bis auch wir endlich von der Wärme des Zeltes aufgesogen werden. Wir sind Teil einer unfassbar grossen Masse, die sich auf Bierbänken und Tischen um den Verstand singt, tanzt und trinkt.

Lektion Drei: die muss man gesehen haben! ;)

Donnerstag, 5. August 2010

Äpfel, Birnen und Spaziergänge

Oder: was danach passiert.

Ich erinnere mich daran, wie meine Klassenkamerdinnen früher ihre Äpfel in der grossen Pause geteilt haben. Sie bohrten ihre Fingernägel in die Schale, Stück für Stück den ganzen Apfel entlang. Dann drehten sie die Hälften gegeneinander bis der Apfel entzwei sprang und jeder eine Hälfte halten konnte. Genau so fühlte es sich an, als er ging. Mit einem Lächeln streckt er mir eine Hälfte meines Herzen hin …

Mit einem halben Herzen kann man gut leben - spätestens seit es Dr. House gibt glauben wir an diese anatomischen Wunder und es hat Vor- und Nachteile, dieser Zustand.

Es gibt also diesen Morgen an dem ich aufwache, als Single und ich schau in den Spiegel und versuche heraus zu finden was anders ist. Aber ich entdecke nichts. Den ganzen Tag starre ich in meinen Bildschirm, schiebe den Mauszeiger von links nach rechts und überlege – was ich denn nun machen soll. Ein lieber Freund gibt mir einen Rat: schneide dir die Haare. Seine Theorie – eine Frau ist erst über einen Mann weg – wenn sie sich die Haare neu machen lässt. Zurück zum Spiegel – ich drehe die Haarspitzen in den Fingern, halte sie ein wenig hoch, kneife die Augen zusammen und überlege wie mir wohl ein Knall-Rot stehen würde? Letztlich entscheide ich mich dafür den Lockenstab einzuheizen und mich mit einem Lockenkopf zu begnügen.

Ob es hilft? Das weiss ich nicht genau. Ich glaube fast, was wirklich hilft sind die Telefonnummern, die man dann an einem solchen Abend zugesteckt bekommt. Auch wenn man sie nie wählen wird. Oder wenn man sie nur noch einmal ansimst, um in einem schwachen Moment nicht die falsche Nummer zu wählen.

Die falsche Nummer blinkt auf meinem Display. Anruf. Anruf von dem Typen, der mich sitzen gelassen hat? Der, der noch mein halbes Herz in der Hosentasche spazieren trägt. Ich nehme ab, nur um sicher zu sein – dass es meinem halben Herzen dort wenigstens gut geht.

Soweit also zu den Nachteilen.

Aber es gibt auch Vorteile. Der weitaus bedeutendste und grösste Vorteil ist der, dass so ein halbes Herz in der Brust nur noch halb so viel Blut ins Hirn pumpt. Männer kennen das Phänomen, wenn wieder einmal der gesamte Kreislauf unter der Gürtellinie endet. Erst jetzt, nach Jahren von Unverständniss, kapiere ich wie dieser Zustand funktioniert und dass er verdammt angenehm sein kann. Durchaus ist nicht alles was passiert vorrangig positiv, der Zigarillo am Abend ist vielleicht dumm – aber lecker. Genau so der falsche Kuss. Naja, „mach dir keine Birne“. Mach ich nicht – meine Birne ist nur halb funktionstüchtig.

Der Profit vom Vorteil ist, dass man ohne Grenzen im Kopf sehr weit gehen kann. Man kommt an Ecken und Winkel des Lebens, die man sonst vielleicht nie entdecken würde. Was gibt es besseres als an diesen Tagen neue Wege einzuschlagen, verlieren kann ich nichts – aber gewinnen. Weitsicht, Perspektiven, Ideen. Und wie ich da neulich einen Weg so entlang gehe, ein sonniger Samstagnachmittag am See, da stolpere ich plötzlich über mein Herz. Diese jene zweite Hälfte, ein bisschen dreckig – aber sonst eigentlich unbeschädigt.

Dienstag, 20. Juli 2010

Da fehlt doch noch was

Ein Trend (von engl. to trend ‚in einer bestimmten Richtung verlaufen‘ bzw. ‚drehen‘ oder ‚wenden‘) ist ein Instrument zur Beschreibung von Veränderungen und Strömungen in allen Bereichen der Gesellschaft.

Also wenn alle sich in eine Richtung drehen ist das ein Trend? Ich dachte es wäre der Wiener Opernball!

Ein Trend ist das, was der Kunde meint - wenn er im Meeting mit den Fingerspitzen schnalzt und danach mit der Hand wippt und sag: "Es fehlt noch...*schnalz*...wissen Sie?" Und wenn wir ehrlich sind, wir wissen es nicht. Denn so vieles wird einem den ganzen Tag als Trend verkauft. Zahllose Newsletter sprengen mein Postfach. Die Titel dieser wälzen sich in Wortkreativität von „Neu“ über „Jetzt“ bis hin zu „Nicht verpassen!“. Und wenn wir uns davon hinreissen lassen und den Klick ins „Neue“ wagen – werden wir mit nutzlosen Informationen über scheinaktuelle Angebote überflutet.

Es gibt ganz offensichtliche Trends, wie den – wenn man in den Wochen um die Fussball-WM alles etwas grüner, schwarz-weiss gefleckter oder patriotischer gestaltet. Da stört sich dann auch keiner dran, dass es alle machen. Wenn man aber an Weihnachten Christbaumkugeln auf die Karte setzt – dann kommt das Fingerschnipsen wieder. „Schön, aber …“

Wir müssen den Dieter Bohlen in uns suchen. Ein Mann der aus 8 Tönen (wie er selbst sagt) – bis heute einen Hit nach dem anderen zaubert. Dem jährlichen Weihnachten, dem nächsten Mitarbeiteressen oder wieder einmal dem Tag der offenen Türe verleihen wir ein bisschen „Heart“ und noch mehr „Soul“.

Und jetzt, geht’s auf zur SuisseEMEX – wo andere sich den Kopf zerbrechen, damit ich meinem Kunden das Fingerschnippen austreiben kann und stattdessen eine Runde Walzer mit ihm tanzen.

Sonntag, 20. Juni 2010

Trockenshoppen

oder: ... KDH, what?

Andere haben das Problem, dass sie in den ersten Sommerwochen - oder besser in den letzten Wochen vor dem Sommer? – sich selbst auf Diät setzen. Die letzten kleinen Bauchfältchen ausglätten, die Weihnachtssündereien (die wir eigentlich im Mai begangen haben, es immer noch auf Weihnachten schieben) von den Hüften los werden, den platten Kino-Po aus den regnerischen Sonntagen des Frühjahrs wieder in Form bringen.

Bei mir hat eine ganz andere Diät zugeschlagen: die sog. KDH (Kauf Die Hälfte). Mein Portemonnaie blitzblank, mein Konto ächzend vor leere. Verdammt. Ich bin kein Mode-Chick. Nicht etwa abhängig davon, dass Meister H&M mir diktiert mit welchem Paar Hosen ich morgen vor die Tür treten darf. Nein, es ist mehr das Problem, dass man Tag um Tag in Zeitschriften, Schaufenstern und auf Webbannern mit schönen bunten Kleidern konfrontiert wird. Es ist als wäre man auf einer Party mit dem grössten Dinner-Buffet, der feinsten Delikatessen, der grössten Dessertauswahl – aber man hat gerade gestern von seinem Doktor gesagt bekommen, dass man eine Laktose- und Glutenintoleranz hat. Ein Happen und es nimmt dir die Luft zu Atmen. Einmal shoppen und schwubb, das Konto hat einen Asthma-Anfall.

Zu allem Unglück habe ich den Job gewechselt. Nein, nicht das ist das Unglück – viel mehr, dass sich das neue Büro in einem Shoppingcenter befindet. Wir passen da nicht mal rein. Wer setzt schon ein Distributor für Backup- und Storagelösungen in ein SHOPPINGCENTER? Und jetzt schiebt sich jede Mittagspause eine ganze Allee von bunten Kleidergeschäften zwischen mich und meinen Mittagssnack.

Beim umhören und umsehen unter meinen Freundinnen, habe ich drei Möglichkeiten gefunden, mit diesem „Problem“ umzugehen.

Trockeshopping: der älteren Generation eher als Schaufestershopping bekannt. So habe ich Stunden damit verbracht zahlreiche Online-Shops zu durchstöbern. Da sind der Userin heute keine Grenzen mehr gesetzt. Jede Marke, jeder Schnitt, jeder Style findet seinen Platz irgendwo im Web. Ich habe mich Stunden lang als PinUp-Girl verkleidet, meine Business-Kombis aufgewertet und sogar bei IKEA ein Gestell ausgesucht für all die neuen Schuhe, die ich nie besitzen werde.

Fremdshopping: das geht vor allem an die Mädels, die in einer Beziehung stecken. Wenn das eigene Budget nicht ausreicht um sich neu einzukleiden – gehen wir an das Geld unserer Partner. Dies bedarf kleiner subtiler Tricks. Wir wollen sie ja nicht bestehlen oder so.
Also verführen wir sie dazu ihre eigene Garderobe aufzustocken. Wie vorhin erwähnt, manchmal geht es ja nicht mal so sehr darum, selbst das neueste zu besitzen – mehr darum, der Fülle an bunter, neuer Dinge ein zuhause zu geben. Und, dass wir auf dem Weg zur Kasse per Zufall an etwas vorbei laufen, was wir heimlich unter die Sachen unseres Lieblings schmuggel, lässt sich leicht mit einer Entschädigung für die ganze Beratungszeit verargumentieren.

Schatzshopping: dies dauert nur wenige Minuten – hat aber einen unfassbaren Effekt auf unserer Garderobe. Einfach einmal die Türen zum Kleiderschrank öffnen und zwischen den Stapeln und Kleiderbügeln einmal die Kleider heraus zu ziehen – die wir einmal gekauft aber niemals getragen haben. Erstaunlicherweise kann man mit dem Haufen dieser Stücke meistens sich selbst eine ganze neue Persönlichkeit zaubern.


Ich habe alles ausprobiert, es hat wunderbar funktioniert. Die Jeans, die ich mit 17 (!!) gekauft hatte, passt toll zu den Stiefeletten die ich im Frühjahr gefunden hatte. Die Sonnenbrille hatte ich meinem Freund als „super passend“ angedreht – wohl in der Hoffnung, dass er sie einmal bei mir liegen lassen würde. Auf dem Weg, sie ihm zurück zu bringen ist sie mir auf die Nase gerutscht. Oops.

Wegen mir, kann der Sommer jetzt endlich kommen. :)

Donnerstag, 17. Juni 2010

Die kleine Schraube

Oder … sing it back on me!

Kennst du das? Ein kleines Elektrogerät, vielleicht ein Wecker. Er steht da auf dem Nachttisch und funktioniert einwandfrei. Aber wenn du ihn anhebst und ein wenig drehst und wendest, gar auf den Kopf stellst – dann hörst du es. Eine leises klicken und klirren. Es ist eine kleine Schraube die lose im Wecker herum fliegt. Wo sie her kommt weiss man nicht so genau, was sie machen sollte auch nicht – aber sie ist da und mit Sicherheit hat sie auch eine Aufgabe. Aber der Wecker funktioniert trotzdem.

Ich bin im Moment so eine kleine Schraube. Neuer Ort, neue Menschen, neuer Arbeitsweg … und dann klirre und klicke ich leise hin und her – auf der Suche nach meinem Ort und meiner Aufgabe.

Schon am Morgen im Tram habe ich das Gefühl eine kleine Gemeinschaft zu stören. Ich stelle mir vor, wie diese Menschen jeden Tag in das gleiche Tram steigen. Der Mann im Anzug sitzt immer vorne an der Türe, da kann er die Beine lang strecken. Die zwei Mädels auf dem Schulweg haben zwei Reihen besetzt, neben ihnen stapeln sich Rucksäcke und Sporttaschen. An der nächsten Haltestelle steigt die junge Frau im Business-Kleid ein. Der Mann an der Tür sieht ihr wahrscheinlich jeden morgen nach und fragt sich, wieso das Tram nicht einmal so voll sein kann, dass sie sich neben ihn setzt. Aber würde er dann den Mut aufbringen sie anzusprechen? Ich bin hier nur der Kommentator aus dem „Off“ – ich hoffe ich bin ein bisschen unsichtbar und starre diese Leute an.

Im Büro dann die Erkenntnis, ich bin nicht unsichtbar. Aber ich bin immer noch eine Schraube ohne Gewinde. Ich kuller durch den Raum an meinen Platz – schmeisse meinen Computer an und schau in mein Postfach. Leer. Meine Dossiers im Gestell. Leer. Meine Pinnwand. Nicht da.

Ich habe gestern eine andere Schraube getroffen. Sie sass auf einem kleinen Treppenvorsprung an der Bushaltestelle. Die Schweizer-Kappe tief ins Gesicht gezogen um sie herum 6 junge Kerle. Sie schimpfen auf sie ein „Man was machsch?“ und äffen sie nach „Das geht dich nichts an!“ – sie betonen die Wörter extra stark, so dass man gleich merkt, dass unter der Schweizer Kappe eine Deutsche stecken muss. Die Jungs finden Gefallen daran, stacheln sich gegenseitig an – schimpfen und lachen hässlich über die Frau. Einer erhebt die Bierdose und lässt den Strahl langsam vor der Frau niederrinnen. Gerade als ich losstürmen will – steht die Frau auf, streckt die Arme in die Luft und singt „Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Board…“. Die Jungs treten zurück, schauen erst etwas dümmlich aus der Wäsche, dann lachen sie und dann ... singen sie mit! Und sie lachen gemeinsam. 5 Minuten Zürich Langstrasse. Ein philosophisches Märchen. Ein verstecktes Gewinde für eine lose Schraube.

Ich überlege ob ich jetzt los singen kann. Ein passendes Lied? Oder besser ein unpassendes? Einfach einen Platz zwischen Monitor und Telefon auf dem Pult suchen, die Arme ausbreiten und los singen „Bring it back, sing it back, bring it back, sing it back to me …“ Eine Discokugel fährt aus der Decke und dreht sich über meinem Kopf, der Raum verdunkelt sich und aus den Wänden scheinen bunte Lichter. Und alle erheben sich und tanzen und singen mit.

Naja – ich arbeite noch an dem Plan.
Aber das Ziel, bleibt das gleiche! Ein tanzendes Büro – so bin ichs mir schliesslich gewöhnt.